Bildung ist ein Menschenrecht

16 12 2014

AWO bietet Sprach- und Orientierungskurse für Flüchtlinge an

"WIR"-Kurs kommt bei den Teilnehmern und Bürgermeistern gut an

Kommt gut an – „WIR“-Kurs in Höchstenbach

Die AWO Bildung und Arbeit Westerwald gemeinnützige GmbH forciert das Recht auf Bildung und bietet in diesem Jahr im Rahmen des landesweiten Projektes „WIR – Willkommen und Rheinland Pfalz“ Sprach- und Orientierungskurse für Flüchtlinge im Westerwald an. In Kooperation mit der Verbandsgemeinde Hachenburg, der Ortsgemeinde Höchstenbach und dem Flüchtlingsnetzwerk begann Mitte November ein neuer Kurs in Höchstenbach. Peter Klöckner, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Hachenburg: „Wir versuchen alles, dass die Menschen bei uns gut ankommen können. Hachenburg heißt sie herzlich willkommen.“
Das „WIR“-Projekt wurde durch die Katholische Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem Landesverband der Volkshochschulen, der Evangelischen Erwachsenenbildung und der Landesarbeitsgemeinschaft „anderes lernen“ Rheinland- Pfalz ins Leben gerufen. Es richtet sich an Flüchtlinge ab 16 Jahren und soll diese dabei unterstützen, trotz ihrer schwierigen Lage in Deutschland Fuß fassen und für sich und ihre Familien ein neues Leben aufbauen zu können. Hierzu werden zum einen grundlegende Deutschkenntnisse und zum anderen Basiswissen für die Bewältigung des Alltags in der Bundesrepublik vermittelt.
Das Modellprojekt in Höhr-Grenzhausen im letzten Sommer zeigte, dass auch die Heranführung an die bestehenden Hilfe- und Unterstützungsnetzwerke im Westerwaldkreis ein wichtiger Bestandteil des Kurses ist. Thilo Becker, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, ist erfreut über das Angebot der AWO und betrachtet den Kurs als wichtigen und wertvollen Baustein der Verbandsgemeinde in der Arbeit mit Flüchtlingen.
Thorsten Siefert, Geschäftsführer der AWO Bildung und Arbeit Westerwald gGmbH: „Fast alle Flüchtlinge stammen aus Kriegs- oder Krisengebieten, viele sind durch Erfahrungen in ihren Heimatländern oder auf der Flucht sehr schwer traumarisiert.“ „Umso mehr freuen wir uns, dass aufgrund des großen Erfolges des Modellprojektes nun ein weiterer Kurs im Westerwald stattfinden kann. Wir bemühen uns, das Projekt auch im nächsten Jahr fortführen zu können“, so Siefert weiter.
Finanziert wird das Projekt durch den Europäischen Flüchtlingsfond, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie das Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen Rheinland-Pfalz.





Für eine rezeptfreie „Pille danach“ – der Bundesratsbeschluss muss umgesetzt werden

3 07 2014

Berlin, 03. Juli 2014. „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 30 Jahre sprechen dafür, dass die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel endlich auch in Deutschland von der Rezeptpflicht zu befreien ist“, so AWO Vorstandsmitglied Brigitte Döcker anlässlich der gestrigen Anhörung im Gesundheitsausschuss zur „Pille danach“. „Wir begrüßen es ausdrücklich, dass sich der Gesundheitsausschuss erneut mit dem Thema Rezeptfreigabe der „Pille danach“ befasst hat und fordern, dass der Bundesratsbeschluss umgesetzt wird.“

„Ein elementarer Bestandteil selbstbestimmter Sexualität ist die Verhütung“, so Döcker weiter, „Frauen sollen ohne äußere Kontrolle frei über ihren Körper und ihre Sexualität entscheiden können.“ Es gibt keine sachlichen Gründe, die rezeptfreie Abgabe der „Pille danach“ mit dem Wirkstoff Levonorgestrel abzulehnen, wie auch die Empfehlungen des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) von 2003 und 2014 zeigen. Auch die Weltgesundheitsorganisation stuft das Präparat als sichere und gut verträgliche Notfallverhütung ein. Sollte eine Schwangerschaft schon vorliegen, hat Levonorgestrel weiterhin keine Nebenwirkungen auf den Embryo und führt nicht dazu, dass die Schwangerschaft abgebrochen wird.

Der Wirkstoff Levonorgestrel ist vor allem in den ersten 24 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr wirksam. Die Pille danach wirkt umso effektiver, je früher sie nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen wird. Durch die Rezeptpflicht muss jede Frau zunächst eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. Noch immer gelangen Frauen an Wochenenden und Feiertagen nur über große Umwege an das Rezept für die Pille danach und oftmals nur mit langen Wartezeiten und schwierigen Anfahrtswegen insbesondere in ländlichen Regionen.

Deutschland ist außer Italien, Polen und Ungarn das einzige europäische Land in dem die Rezeptfreiheit nicht gegeben ist und legt Frauen damit große Steine in den Weg, selbstbestimmt und eigenverantwortlich Familienplanung zu betreiben. „Deshalb ist ein niedrigschwelliger Zugang zur Pille danach wichtig“, unterstreicht Döcker. „Frauen sind in der Lage, informierte Entscheidungen zu treffen und Apotheken verfügen über genug Beratungskompetenz in diesem Bereich. Beide Tatsachen müssen endlich anerkannt werden.“ Darüber hinaus spricht sich die AWO im Zuge einer rezeptfreien Abgabe der Pille danach für eine Übernahme der Kosten für Frauen mit geringem Einkommen aus, damit für alle Frauen ein niedrigschwelliger Zugang gewährleistet ist.





Weltflüchtlingstag: Deutschland muss Beschlüsse umsetzen

20 06 2014

Berlin, 20. Juni 2014. „Die jüngsten Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen alarmieren: 51,2 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Die Bundesrepublik muss sich ihrer Verantwortung gegenüber diesen Menschen stellen“, erklärt AWO Vorstandsmitglied Brigitte Döcker. Um auf die Situation und das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 20. Juni zum Weltflüchtlingstag erklärt. Die Zahl der Flüchtlinge wird weltweit angesichts der zahlreichen Konflikte weiter zunehmen. „Umso dringender müssen Politiker für eine großzügigere Aufnahme und Schutzgewährung von Flüchtlingen eintreten“, hebt das Vorstandsmitglied hervor.

Als Wohlfahrtsverband unterstützt die AWO auf vielfältige Weise ankommende Flüchtlinge in Deutschland. „Unsere Gliederungen bieten Hilfesuchenden durch persönliche, ehrenamtliche und auch professionelle Hilfe Schutz. Damit versuchen sie die ohnehin schwere Ankunft in Deutschland für die Menschen zu erleichtern“, erklärt Döcker. Dieses Engagement hat in der AWO lange Tradition, deren Mitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus selbst leidvolle Erfahrungen mit Flucht und Verfolgung gemacht haben.

„Damit jedoch den Menschen geholfen werden kann, muss den Flüchtlingen an den EU Außengrenzen anders begegnet werden. Ziel darf nicht die Abschottung sein, sondern dass sie sicher auf unseren Kontinent gelangen. Darüber hinaus braucht es ein faires und verständnisvolles Asylverfahren und keine überbordende Bürokratie. Flüchtlingspolitik muss endlich menschlich sein“, betont das Vorstandsmitglied. Deshalb tritt die AWO dafür ein, Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer als gemeinsame europäische Aufgabe zu organisieren.

Die deutsche Zivilgesellschaft zeigt derzeit eine enorme Bereitschaft, Schutzsuchende aus akuten Krisengebieten aufzunehmen und zu versorgen. Zu oft versteckt sich jedoch die Politik hinter fadenscheinigen Zusagen wie im Falle der mittlerweile angekündigten 20 000 Aufnahmeplätze für Syrer. „In Wirklichkeit zieht sich die Aufnahme der syrischen Flüchtlinge unnötig in die Länge“, weiß Döcker zu berichten. Geflüchtete Syrer, die ein Visum auf eigene Faust in Nachbarländern ihrer Heimat beantragen, werden durch bürokratische Auflagen an der Einreise gehindert.

Zudem leistet AWO International als Fachverband der Arbeiterwohlfahrt beispielsweise in Syrien humanitäre Hilfe. 2,6 Millionen Menschen sind dort aufgrund des Bürgerkrieges in die Nachbarländer geflohen und über 6 Millionen sind innerhalb Syriens auf der Flucht. AWO International hat in Zusammenarbeit mit Partnern 120 000 Binnenflüchtlinge nahe Damaskus unterstützt. Zu den Projektmaßnahmen gehörten unter anderem die Versorgung mit Trinkwasser und die Verteilung von Hygieneartikeln. Zudem wurden in Aleppo dringend benötigte Medikamente für Krankenstationen verteilt und Menschen medizinisch versorgt. In den Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, welche AWO International in Asien und Südamerika umsetzt, spielt das Thema Sichere Migration eine zunehmend bedeutendere Rolle. Hier werden migrationswillige Menschen, die ihr Zuhause aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen, auf ihre Situation, ihre Rechte und Lebensbedingungen im Zielland vorbereitet.





Abschaffung der Optionspflicht? Rückwärts in die Zukunft

28 03 2014

Berlin, 28. März 2014. „Der gestern überraschend gefundene Kompromiss zur umstrittenen Optionsregelung ist ein schönes Beispiel dafür, dass die mit einer so großen Mehrheit ausgestattete Große Koalition nicht unbedingt große politische Lösungen findet“, kommentiert AWO Vorstandsmitglied Brigitte Döcker den gestern vorgelegten Gesetzesentwurf zur doppelten Staatsbürgerschaft. „Im Koalitionsvertrag steht  eindeutig, dass die Optionspflicht abgeschafft werden soll.“

Zu begrüßen ist, dass im Vergleich zum ursprünglichen Vorschlag der CDU nun Einwandererkinder bis zum 21. Lebensjahr nur noch acht Jahre anstatt der zuvor geforderten zwölf Jahre in Deutschland gelebt haben müssen und dass auf Hinwirken der SPD die Beweislast umgekehrt wurde. Demnach werden die Behörden anhand von Meldedaten von Amts wegen feststellen, ob die Jugendlichen bis zum 21. Geburtstag mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben oder sechs Jahre hier zur Schule gegangen sind oder einen deutschen Schul- oder Berufsabschluss haben. Dies muss nicht mehr selbständig durch ein Schulzeugnis oder durch Einträge im Melderegister nachgewiesen werden. „Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um ein „Bürokratiemonster“ und einen unzureichenden Kompromiss handelt“, so Döcker. Dadurch entfalle die umstrittene Optionspflicht nicht.

„Die große Mehrheit der Jugendlichen wird diese Bedingungen zwar erfüllen“, so Döcker weiter, „aber es bleibt der Misstrauensvorbehalt gegenüber jugendlichen Migranten. Es bleibt bei der deutschen Staatsangehörigkeit zweiter Klasse und die Behörden werden ein überflüssiges System von Überprüfung, Zertifizierung, Wiedervorlage und Bescheiden aufbauen, das niemand braucht.“

„Die Gelegenheit für das politisch so dringend gebrauchte Signal an die Jugendlichen „Ihr gehört dazu!“ wurde leider verspielt. Der Koalitionsvertag versprach: Deutschlands Zukunft gestalten. Hier geht es rückwärts in die Zukunft.“





AWO Einschätzung zum Koalitionsvertrag

29 11 2013

Wir brauchen ein soziales Deutschland!

Berlin, 28. November 2013. „Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD ist die Grundlage für unsere fachliche Einschätzung. Entscheidend ist, ob die sozialen Missstände in unserer Gesellschaft konsequent angegangen werden“, erklärt AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Klar ist: „Für eine sozial gerechte Gesellschaft brauchen wir dringend Investitionen ins Soziale“, ergänzt Stadler. Deshalb sind die anberaumten Ausgaben in Höhe von 40 Milliarden zu begrüßen, gleichwohl deren Finanzierung nachdenklich stimmt. Insbesondere die Kostendeckung von 23 Milliarden Euro aus den Sozialversicherungen ist bedenklich. „Wenn man nachhaltige Sozialpolitik machen und die dringend notwendigen Investitionen solide finanzieren will, wird man um Steuererhöhungen für die obersten Prozent der Gesellschaft nicht umhin kommen“, führt der Bundesvorsitzende aus. Vor allem fehlen konkrete Vorschläge wie die Arbeit in den Kommunen gestärkt wird. Die abschließende Bewertung des vorgelegten Koalitionsvertrages für die 18. Legislaturperiode erfolgt nach den fachlichen Positionen der Arbeiterwohlfahrt. Der angelegte Maßstab ist der AWO Forderungskatalog, der 20 zusammengefasste zentrale Forderungen umfasst. Zu einigen Bereichen sind bereits jetzt erste Tendenzen auszumachen.

Bildung, Betreuung, Erziehung

Die zusätzlichen sechs Milliarden Euro für Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen der Länder sind richtig. Von einer substanziellen Verbesserung im Bereich Kindertagesbetreuung findet sich im Koalitionsvertrag nichts. So fehlt das Vorhaben eines bundesweiten Qualitätsgesetzes. Es fehlt eine regelhafte finanzielle Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten für Kitas.

Pflege

Die AWO begrüßt die Aussagen zu den kurzfristigen Leistungsverbesserungen (beispielsweise der Ausbau der Betreuungskräfte, Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds etc.). Positiv zu bewerten ist die Stärkung der ambulanten Pflege. Ein weiterer positiver Aspekt ist der Ausbau der zehntägigen Pflegezeit als Lohnersatzleistung analog zum Kinderkrankengeld mit Rechtsanspruch. Die klare Aussage zur Umsetzung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes wird begrüßt. Unklar bleiben aber der Zeitpunkt und die Finanzierung der Umsetzung. Im Vertrag steht nur, dass die Umsetzung in einem zweiten Schritt geschehen soll und „nur“ 0,2 Prozentpunkte kosten soll. Bisherige Berechnungen, die versprechen, dass niemand weniger bekommt, gehen aber von Kosten aus, die 0,4 – 0,5 Prozentpunkte bedeuten würden. Das Grundsatzproblem der Pflegeversicherung, ihre systembedingte Einnahmeschwäche, wird leider nicht gelöst. Die Finanzierungslücke wird regelmäßig wieder auf der Agenda stehen und es sind immer höhere Belastungen durch die Erwerbstätigen zu schultern, während andere Einnahmen verschont bleiben.

Kinder, Frauen, Familie

Die Anhebung des steuerlichen Entlastungsbetrags für Alleinerziehende ist zu begrüßen. Es ist genauso erfreulich, dass der Koalitionsvertrag mit dem Programm „Perspektive Wiedereinstieg“ den beruflichen Wiedereinstieg von Frauen und Männern regelt. Der Koalitionsvertrag enthält leider keine Aussagen zu Kinderfreibeträgen, Kinderzuschlag, Ehegattensplitting oder Betreuungsgeld – hier sehen wir als AWO weiterhin dringenden Handlungsbedarf.

Beschäftigungspolitik

Die Stärkung der Branchenmindestlöhne über das Arbeitnehmerentsendegesetz ist zu begrüßen. Dasselbe gilt für den Beschluss, dass ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn eingeführt werden soll. Hier fehlen jedoch weitere Informationen und konkrete Umsetzungsschritte. Dasselbe gilt für das geplante Rückkehrrecht aus Teilzeitarbeit in Vollzeitarbeit sowie für die Einschränkungen von Werkverträgen. Die AWO dringt auf eine schnelle Umsetzung und weitere Reformen wie etwa eine Eindämmung von Minijobs, die im Koalitionsvertrag noch fehlen.

Arbeitsmarktpolitik

Positiv zu bewerten ist, dass die Verhandlungspartner eine Erhöhung des Eingliederungstitels in Höhe von 1,4 Mrd. Euro vorsehen. Gleichwohl können damit die Kürzungen der vergangenen Jahre nicht kompensiert werden. Für die Gruppe der rund 400.000 Langzeitarbeitslosen, die absehbar keine Chance auf einen Job haben, fehlen geeignete Instrumente. Zielführend wären Investitionen in Fort-, Weiterbildung und sozialpädagogische Begleitung. Das geplante Programm des Europäischen Sozialfonds, mit dem Arbeitgeber durch Lohnkostenzuschüsse angeregt werden sollen Langzeitarbeitslose einzustellen, wird bereits getestet und läuft äußerst schleppend. Die AWO fordert seit langem einen sozialen Arbeitsmarkt mit sinnvoller Beschäftigung, langfristigen Perspektiven und einer professionellen Begleitung für die Betroffenen. Dies muss als Regelinstrument ausgestaltet sein und nicht als Zusatzleistung über den ESF.

Alterssicherung

Der Koalitionsvertrag sieht bedauerlicherweise keine Änderungen der jetzigen Rentenanpassungsformel vor, die unweigerlich zu noch weiteren Absenkungen des Rentenniveaus führt. Die jetzt beschlossene Regelung eines abschlagsfreien Rentenbezugs mit 63 Jahren nach 45 Versicherungsjahren trägt nicht zur Verringerung der Altersarmut bei. Das Konzept der solidarischen Lebensleistungsrente ist zwar von der Zielrichtung richtig, bringt jedoch für die Menschen insgesamt zu wenig. Problematisch ist die Bedarfsprüfung, die eventuell sogar doppelt vollzogen wird. Etwa dann, wenn trotz allem noch Ansprüche auf Grundsicherung im Alter geltend gemacht werden. Zudem sind die Anspruchsvoraussetzungen sehr eng gefasst. Die AWO fordert ein einfaches Freibetragsmodell: In der Grundsicherung müssen Rentenfreibeträge eingeführt werden. Die Verbesserung bei der so genannten „Mütterrente“ ist grundsätzlich zu begrüßen. Die Anhebung der Kindererziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder um einen Punkt ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Die Mehrkosten von über sechs Milliarden Euro sind jedoch aus Steuermitteln zu finanzieren. An den Kosten für die Kindererziehung sind auch diejenigen zu beteiligen, die keine Beiträge in der gesetzlichen Rentenversicherung leisten. Richtig ist die Verbesserung für die Bezieher von Erwerbsminderungsrenten. Sie sind in den letzten Jahren deutlich unter die Grenze der Grundsicherung im Alter gerutscht. Insofern ist die Änderung der Regelung bei den Zurechnungszeiten zu begrüßen. Insgesamt scheinen die Maßnahmen in Bezug auf die Alterssicherung ungeeignet, Altersarmut zu verhindern und Lebensstandards zu sichern.

Migration

Wir begrüßen die Abschaffung der Optionspflicht für die hier geborenen Kinder von Migranten. Bedauerlicherweise werden die nicht in Deutschland geborenen Kinder nicht berücksichtigt. Darüber hinaus erfreut die verabredete Bleiberechtsregelung als wichtige Verbesserung. Zu kritisieren ist die Beibehaltung des Asylbewerberleistungsgesetzes, die Unterbringung in Lagern, das Festhalten an der Residenzpflicht und das Sachleistungsprinzip. Im gesamten Koalitionsvertrag fehlen klare Aussagen zur Bekämpfung von Rassismus in Deutschland.





AWO fordert ein familienfreundliches Deutschland

12 11 2013

Berlin. „Es verwundert nicht, dass immer mehr Frauen in Deutschland kinderlos bleiben. Die Bundesrepublik tut einfach zu wenig für ein familienfreundliches Klima“, erklärt der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Hintergrund sind die jüngst veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland. Die jährliche Geburtenrate bleibt mit 1,4 Kindern zu niedrig und die Prognose der Experten zeigt, dass ab 2020 die Geburtenzahl sogar abnehmen wird. „Deshalb sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die eine bessere Vereinbarkeit von Kinderbetreuung, Pflege und Beruf für Mütter und Väter und eine gleichberechtigte Verantwortung für familiäre Sorgearbeit ermöglichen“, fordert Stadler.

Denn insbesondere die Zahlen zu westdeutschen Akademikerinnen zeigen, dass Frauen sich zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Ein schlechtes Zeugnis für die Familienpolitik. Dass 30 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen im Alter von 45 bis 49 Jahren kinderlos sind, ist ein klares Zeichen: „Gemeinsame Zeit ist für ein gelingendes Familienleben unverzichtbar, die hohen Anforderungen an Flexibilität und Mobilität auf dem modernen Arbeitsmarkt machen das jedoch oft unmöglich“, ergänzt Stadler. Darüber hinaus müssten die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen so verändert werden, dass die Entscheidung für Kinder für Eltern kein Armutsrisiko mehr darstellt. Deshalb fordert die AWO, die zunehmende Kinderlosigkeit als umfassendes Problem zu begreifen. Es braucht in der nächsten Legislaturperiode eine ressortübergreifende Politik, die jenseits des Dschungels familienbezogener Leistungen die Familien tatsächlich stärkt. „Wir brauchen familien-, arbeitsmarkt- und zeitpolitische Maßnahmen, die Familien in ihren vielfältigen Lebensrealitäten wirksam unterstützen“, appelliert Stadler.





Armutsgefährdung – Armutszeugnis für Deutschland

29 08 2013

Berlin, 29. August 2013. „Das Risiko in einem wohlhabenden Land, wie Deutschland arm zu sein, steigt. Es ist höchste Zeit zu handeln“, kommentiert der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler die heute veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Armutsgefährdung. Demnach ist seit 2005 die Gefahr von Armut betroffen zu sein, in der gesamten Bundesrepublik gestiegen. So ist im Osten Deutschlands jeder fünfte und in den westdeutschen Bundesländern immerhin noch jeder siebente Bürger armutsgefährdet. „Diese Entwicklung ist nicht hinnehmbar. Die Bundesregierung sollte mit einer ausgewogenen Steuer- und Sozialpolitik die Kluft zwischen arm und reich in unserem Land bekämpfen“, fordert Stadler.

Wie besorgniserregend die Situation in Deutschland ist, zeigte bereits der im Herbst 2012 veröffentlichte 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Deutlich zeichnete sich darin ab: der Wohlstand steigt – doch nur die Reichen konnten profitieren. „Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung“ hieß es in dem Bericht selbst. Für die AWO ist es deshalb höchste Zeit, noch genauer hinzuschauen, besonders in den betroffenen Regionen, wie etwa in einigen Großstädten des Ruhrgebiets aber auch in den ländlicheren Teilen im Osten des Landes. „Die besondere Bedarfe und Problemlagen vor Ort müssen identifiziert und mit gezielten Maßnahmen bekämpft werden“, appelliert Stadler an die Verantwortlichen.

„Als Ausprägung ihrer Sozialanwaltsfunktion versucht die AWO seit jeher, Armut zu überwinden und Menschen zu unterstützen. Deshalb ist es für uns besonders wichtig, differenzierte Analysen zu haben,“ erklärt Stadler und verweist beispielhaft auf ein Projekt in Mecklenburg-Vorpommern. Im Auftrag des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern  der AWO erforschen dort Wissenschaftler unterschiedlicher wissenschaftlicher Einrichtungen die tatsächliche Situation der in Mecklenburg-Vorpommern von Armut betroffenen Menschen. Die Studie soll belastbare Fakten über die wirtschaftliche und soziale Lage der von der Gesellschaft Benachteiligen freilegen und so Handlungsbedarfe identifizieren.

Die heutigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die das Armutsrisiko der Jahre 2012 und 2005 vergleichen, zeigen, dass die Armutsgefährdungsquote im Osten Deutschlands mit vormals 19,7 Prozent und nun 20,4 Prozent ungemindert hoch ist. Im Westen Deutschlands ist sie sogar noch gestiegen, von 13,2 Prozent im Jahr 2005 auf 14,0 Prozent im Jahr 2012. Gemäß der Definition der Europäischen Union gelten Menschen als armutsgefährdet, die mit weniger als 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten auskommen müssen. Um den Unterschieden im Einkommensniveau vor Ort Rechnung zu tragen, wird hierzu das mittlere Einkommen, der Median, in der jeweiligen Region herangezogen. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 2012 galten im vergangenen Jahr beispielsweise Ein-Personen-Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 869 Euro als armutsgefährdet.








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